Panik im Politbüro: Die Briten weisen Europas Sonnenkönigen die Tür

flickr. / grueneberlin

Man könnte sich totlachen, wäre die Lage nicht so bitterernst.

Nie zuvor hat man die sogenannte politische Elite derart konsterniert erlebt. Die Riege der Sonnenkönige hat sich nicht vorstellen können, dass sich die Erde plötzlich wieder um die Sonne dreht und ihr die älteste Demokratie Europas die Tür weist.

Kalt erwischt wurde sie am frühen Freitagmorgen, der eine Zeitenwende eingeläutet hat. Das Votum der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union sendet eine klare Botschaft in alle Welt: Die Herrschaften des Brüsseler Politbüros haben abgewirtschaftet. Viel erinnert an den Herbst 1989, als sich die Politschranzen sogar nach dem Niederreißen der Berliner Mauer durch das Volk ihr krachendes Scheitern nicht eingestehen wollten. So sehr hatten sie sich in ihrer Scheinwelt eingerichtet, so gut hatten sie sich vom Volk abgeschottet, dass sie gar nicht verstanden, was da rund um sie plötzlich geschah. Ein Hauch von Ost-Berlin weht in diesen Tagen durch Brüssel.

Doch auch andernorts hat man nichts verstanden.

Trotzig schallt es „Jetzt erst recht“ aus Paris, Rom und Berlin. Und schon überbieten sich hierzulande die Vertreter aller Parteien darin, noch mehr Europa zu fordern, womit sie allerdings noch mehr EU meinen. Ein himmelweiter Unterschied und einer der Gründe für den mehrheitlichen Wunsch der britischen Wähler, sich der Brüsseler Krake zu entledigen.

labimg_870_300_1_peymani

Großbritanniens Austritt mag schlecht für die EU sein, er ist aber ein Segen für die Europäische Idee – und ein Sieg der Demokratie.

Nun haben die Schwarzmaler Hochkonjunktur. In Deutschland, das gar nicht mitstimmen durfte, tragen Politik, Medien und Wirtschaftsverbände seit Wochen einen erbitterten Wettbewerb um das erschreckendste Horrorszenario aus. Und die völlig überdrehte Propaganda-Maschine läuft seit der britischen Austrittsentscheidung so heiß, dass man Angst um die Gesundheit der Akteure haben muss. Manch Medienschaffender dürfte seit Freitag an Herzrhythmusstörungen leiden, weil der Körper die ununterbrochene Alarmbereitschaft irgendwann nicht mehr mitmacht.

Sofort wurden Umfragen veröffentlicht, die eine nie gekannte EU-Begeisterung der Deutschen belegen sollen.

Zwar kann sich immer noch deutlich weniger als die Hälfte für das Brüsseler Zentralorgan erwärmen, doch reicht es schon, dass die Befürworter hierzulande erstmals seit langer Zeit knapp vor den Gegnern liegen, um Jubel-Headlines zu kreieren, die mit fröhlich um die Europa-Fahne tanzenden jungen Menschen illustriert werden. Die Kanzlerin versucht sich derweil in Gelassenheit, aber auch sie kann nicht verbergen, dass ihr der plötzliche Demokratie-Anfall schwer zu schaffen macht. Da hilft die Flucht nach vorne: Wie einst Merkel beim Euro, versuchen die Brüsseler Granden die Rettung ihrer EU mit der Bewahrung des Friedens in Europa gleichzusetzen.

Dies ist natürlich ebenso grober Unfug wie das Euro-Mantra der Kanzlerin.

Die Gemeinschaftswährung hat zu nachhaltigen Verwerfungen auf dem Kontinent geführt, die Bürger Europas gegeneinander aufgebracht und viele Millionen Menschen ärmer gemacht. Niemand wird ernsthaft behaupten können, der Euro sei ein friedenstiftendes Projekt. Und auch die EU heutiger Prägung ist es nicht. Sie war es bis in die frühen 1990er Jahre, als noch Persönlichkeiten Europa führten, die aus eigener Kriegserfahrung wirklich an der Einigung des Kontinents interessiert waren. Nicht Machtphantasie und Postengier trieb sie an, sondern das ernsthafte Streben nach einem friedlichen Zusammenleben.

Europa ist stark und auch die Europäische Union hat noch eine Chance.

Sie kann sie nutzen, wenn sie sich auf die schon einmal erreichte Balance aus nationalstaatlicher Souveränität und gemeinsamer Entscheidungskraft besinnt. Dazu bedarf es allerdings radikaler Veränderungen. Die Brüsseler Hinterzimmerpolitik einiger nicht vom Wähler legitimierter Entscheider muss ebenso ein Ende haben, wie die Gängelung und Bevormundung durch den Erfindungsreichtum einer offenbar nicht ausgelasteten Bürokratie. Einen europäischen Bundesstaat, so viel ist spätestens seit Freitag klar, wird es niemals geben können. Wer derlei Überlegungen immer noch vorantreibt, setzt den Frieden in Europa fahrlässig aufs Spiel.

Photo by Motarile

Lesen Sie mehr von Ramin Peymani. Sein aktuelles Buch „Spukschloss Deutschland“ ist im Juwelen Verlag erhältlich. Noch eindringlicher und zugespitzter zeichnet es den gespenstischen Zeitgeist auf, der uns heimsucht. „Spukschloss Deutschland“ erhalten sie auch als Ebook.

Ramin Peymani
Der Autor ist Verfasser der „Klodeckel-Trilogie“ und hat im Juwelen-Verlag „Spukschloss Deutschland“ veröffentlicht. Im Januar 2017 erscheint sein neues Buch ebenfalls im Juwelen-Verlag.

You May Also Like

1 comment

  1. 1

    In Roland Baaders „Die belogene Generation“ habe ich kürzlich ein wahres Juwel gefunden – nämlich eine Kurzanalyse Friedrich August von Hayeks über unsere heutige (repräsentative)Demokratie, worin er glasklar formuliert, dass diese scheitern wird:
    „Es ist überhaupt nicht notwendig, daß Demokratie mit einem allmächtigen Parlament gleichgesetzt wird. Die meiste Zeit der neueren Geschichte zeigt ein Ringen um die Beschränkung der Regierung. Es war eine unglückliche Entwicklung, daß die Leute glaubten, daß eine Beschränkung der Regierung hinfällig sei, wenn man die Macht den Repräsentanten der Mehrheit der Bevölkerung gegeben habe. So wurden all die Bemühungen um eine Beschränkung der Regierung weggespült. Die Macht wurde einer einzigen Gruppierung gegeben, die sowohl die Gesetze machen kann, die sie für ihre Zwecke wünscht, als auch regieren kann. So haben wir eine unbeschränkte Demokratie bekommen, wo die Mehrheit des gewählten Parlamentes machen kann, was sie will. Und was sie will, deckt sich überhaupt nicht mit der Meinung der Mehrheit, weil der Prozeß der Mehrheitsbildung darin besteht, bestimmte Gruppen mit bestimmten Vorteilen zu bestechen…
    DIESE ART VON DEMOKRATIE IST SCHÄDLICH UND WIRD ZUSAMMENBRECHEN.“
    Nur wird der Zusammenbruch natürlich alles andere als schmerzfrei sein, weil die Profiteure dieser Form von „Demokratie“ mit allen Mitteln ihre Pfründe verteidigen werden, z.B. eben auch dadurch , dass sie die Brexit-Anhänger jetzt zu diskreditieren versuchen und die Zukunft Großbritanniens (auch mit Hilfe der Systemmedien) in den düstersten Farben malen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>