Seelenlose Statements: Die groteske Vermeidungsstrategie der Angela M.

flickr. / Samuel Peters

Seit zehn Jahren beglückt uns Angela Merkel mit einer wöchentlichen Videobotschaft. Ich kenne niemanden, der sie sich jemals angesehen hätte, doch es muss sie geben, die Zuschauer der Podcasts der Kanzlerin.  Stets begleitet von irgendjemandem, der mehr oder weniger gut zu ihrer Botschaft passt, kommt samstags „Die Kanzlerin direkt“ ins Haus, um uns für eines ihrer wöchentlichen Lieblingsprojekte zu begeistern.

So auch in ihrem Video vom  9. Juli, das uns das Integrationsgesetz erläutern soll.

Wie alle anderen 500 Merkel-Podcasts zuvor, wäre der Clip eigentlich keiner Erwähnung wert, doch er schließt mit einer Wortgirlande, die sinnbildlich für Merkels Strategie steht, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Bis dahin bietet er das gewohnte Sowohl-als-auch. Denn eindeutige Botschaften meidet die Kanzlerin wie der Teufel das Weihwasser. Zu leicht könnte sie verstanden und damit festgelegt werden. So flüchten sich Merkels Redenschreiber lieber in „seelenlose verschraubte Sätze“, wie eine meiner Leserinnen so wunderbar formulierte. Der Clip, in dem eine Abiturientin die Stichwortgeberin mimt, versetzt den Zuhörer bereits nach anderthalb Minuten in ungläubiges Staunen: Merkel wird an dieser Stelle gefragt, wie man denn damit umgehe, dass sich manche Flüchtlinge „verunsichert“ fühlten und „Zweifel an unserer Kultur“ hätten.

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Dankbar greift Merkel die Verbeugung vor dem Islam auf – denn nur um den geht es im Interview wie auch in sämtlichen Integrationsdebatten.

Nach einigen Allgemeinplätzen zum Grundgesetz und zu den Rechten von Frauen, wird es in der letzten halben Minute dann doch noch konkret – freilich ohne klare Botschaft der Kanzlerin. Gefragt danach, wie sie dazu stehe, wenn „Flüchtlinge nicht haben wollten, dass Schweinefleisch in den Schulen angeboten wird“, setzt Merkel zu jener Verbalakrobatik an, die als schmuckloses Vermächtnis ihrer Kanzlerschaft in die Geschichte eingehen wird. Kohl, der Kanzler der Deutschen Einheit, Schröder, der Kanzler der „Agenda 2010“ – und Merkel?

Sie wird uns als Kanzlerin der asymmetrischen Demobilisierung in Erinnerung bleiben, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: „Themen beschweigen statt adressieren“. Im Videoclip kulminiert diese Vermeidungsstrategie in einem Satz: „Die Toleranz gehört schon dazu, dass wir uns in unseren Essgewohnheiten jetzt nicht verändern müssen“, schwadroniert Merkel, und man hört das Papier rascheln, auf dem ihr die Texter das wachsweiche Sätzchen gereicht haben. Es sind Worte wie diese, die Merkel scheinbar unangreifbar machen. Nicht wirklich sagen, was gemeint ist, nicht wirklich hart mit denen ins Gericht gehen, die als Neuankömmlinge eine Gesellschaft nach ihren Wünschen umbauen wollen.

Hier hätte es eines deutlichen Signals an islamische Agitatoren bedurft. „Bei uns wird Schweinefleisch gegessen, Ihr müsst ja nicht, wenn Ihr nicht wollt“, hätte Gewicht gehabt und keinen Raum für Interpretationen gelassen. Doch sie will interpretierbar bleiben. Nur einmal hat die Kanzlerin sich festgelegt, hat sie Emotionen gezeigt und ihre „Seele“ offenbart. Sie ist dabei so tief gestürzt, dass man geradezu fühlen kann, wie das Trauma an ihr nagt. Souffliert von ihren Hofberichterstattern hat sie im vergangenen Sommer die öffentliche Meinung so grundlegend falsch eingeschätzt, dass sie sich auf einen Weg ohne Wiederkehr machte. Die Erfindung der „Willkommenskultur“ war trotz Euro-Desaster Merkels größte Fehlleistung. Noch im März wurden Wetten angenommen, wann die Kanzlerin wohl fällig sei. Nur durch das beherzte Vorgehen der österreichischen Nachbarn konnte sie sich halten. Der Zuwanderungsstrom ebbte schlagartig ab – und Merkels Redenschreiber führten sie zurück in die sicheren Gewässer des Vermeidens. Doch Merkel wird nicht zu halten sein. Zu groß sind die Krisen Europas, zu sehr wird in den kommenden Jahren ein Kanzler verlangt, der die Kraft hat Entscheidungen zu treffen, statt den Wunsch nach gehobenen Beliebtheitswerten. Man darf gespannt sein, wann Merkel ins Schloss Bellevue flüchtet.

 

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Ramin Peymani
Der Autor ist Verfasser der „Klodeckel-Trilogie“ und hat im Juwelen-Verlag „Spukschloss Deutschland“ veröffentlicht. Im Januar 2017 erscheint sein neues Buch ebenfalls im Juwelen-Verlag.

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2 Comments

  1. 1

    Die übliche Wischiwaschi Rhetorik der Merkel kann erklärt werden.
    Denn da weder Merkel noch irgendein Regierungsmitglied den Text entworfen haben,
    sondern mit dem Text irgendeines Bundestagsschreibers gearbeitet wird, muss das Augenmerk vor allem darin liegen, keiner Macht weh zu tun.
    Das bedeutet, dass man dem deutschen Volk, den Eingeborenen, weh tu kann.
    Denn diese sind zwar Eigentümer des Staates Deutschland und weisungsberechtigt der Merkel gegenüber und selbstredend auch dem Bundespräsidenten, aber das weiß Merkel nicht. Woher auch? Im Staat der auf Ewigkeit regierenden SED kam das nicht vor.
    Merkel fühlt sich daher nur den Stichwortgebern in USA verpflichtet und den islamischen Petrodollar- Staaten. Letztere besitzen nicht nur einen Anteil an Mercedes, sondern auch an anderen Firmen. Da muss diese Rede darauf Rücksicht nehmen, ganz klar. Denn die Aufpasser hören genau hin.

  2. 2

    Sie beherrscht die „Kunst“ – mit wenig Worten – sozusagen nichts zu sagen !
    Alles was Sie öffentlich zu sagen hat, ist abgelesen um auf diese Weise auch den
    kleinsten Fehler auszuschließen. Stichwortgeberin wie in der Vormeinung…dies kann man unterschreiben. Sie erinnert mich in bisschen an den früheren Bundespräsidenten Lübke der nicht 2 Sätze auswendig sprechen konnte (wollte).

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