Angst als Gewöhnungssache, täglich subkutan verabreicht

flickr. /. Armin Rodler

Es ist in der Politik wie in der Medizin: subkutane Injektionen sind Spritzen unter die Haut, nicht direkt in die Blutbahn. Es handelt sich zumeist um Langzeitbehandlungen, deren Wirkung von der Regelmäßigkeit abhängt. Sie können heilen, betäuben und mißbraucht werden, zum Beispiel, indem sie die natürlichen Ängste vor realen Gefahren bekämpfen.

So der SÜDKURIER seitenlang in seiner heutigen Wochenendausgabe! Die Tendenz heißt Gewöhnung.

Hier werden keine Überlegungen angestellt, die realen Gefahren zu beseitigen, sondern auf die andere Reaktion, die der Gewöhnung, gesetzt. Wer Krieg und Bombentage und -nächte erlebt hat, weiß, daß die Alltagsbewältigung nur mit Gewöhnung und – bis zu einem gewissen Grad – mit Abstumpfung – möglich war.

Wir befinden uns also nun in einer Situation, in der die Angst bereits vorhanden ist und durch Gewöhnung genommen werden soll: Der „Politikwissenschaftler“ Herfried Münkler „fordert, sich von der Sicherheit als einem garantiertem Besitzstand zu verabschieden“ (Seite 3).

Das Blatt zählt vorhandene Ängste auf unter Ausschluß derer, unter denen wir aktuell in der Hauptsache leiden: „Einbruch“, „Verkehr“, „Arbeitsplatz“ „Kinder“ (die in der Schule, anstatt was auf dem Lehrplan steht, Mut zur Selbstbehauptung lernen), „Internet“, „Unwetter“. Von der eigentlichen, der aktuellen Angst, der, vor dem Eindringen fremder Völkerscharen, die nicht zuletzt auch die Ursache der aufgezählten Ängste sind, ist keine Rede.

Ein ganzer Kommentar gilt (Seite 2) der „Verrohung der Sitten“, womit der Verfasser, der Chefredakteur der Zeitung, den hinausgeschrienen Protest der Bevölkerung meint, anstatt die gewachsene Kriminalität, wie sie in Agentur-Notizen, über das ganze Blatt verteilt und marginalisiert wird, anzuklagen. Stattdessen wird (auf Seite 10) in mißverständlicher, diffuser Beschreibung in drei Spalten der Verdacht auf Fremdenfeindlichkeit in dem Prozeß über den „Wurf einer Handgranate auf das Gelände einer Flüchtlingsunterkunft“ geweckt, wobei es sich in Wirklichkeit offenbar um den Konkurrenzkampf zweier „Security-Firmen“! gehandelt haben muß.

Täglich subkutan wird uns in dem nun beginnenden Wahlkampf die Injektion der Droge der Gewöhnung an Übergriffe jeder Form, Gewalt jeder Form und Ausschweifungen jeder Form verabreicht werden, denn Unsicherheit ist nach alter 68er-Lehre der Preis der Freiheit. Ob sie auf Dauer wirkt, ist, angesichts des wachsenden Widertandes gegen die so geschaffenen Zustände  zumindest offen. In diesen „Kontext“ paßt auch die Meldung, daß „Merkel“  in den Umfragen aufhole (gemessen an welchen Umfragen, also Halbwahrheit)?

„Es steht in der Zeitung“, wird immer mehr, anstatt als Beleg für die Wahrheit, mit Kopfschütteln oder als Witz wahrgenommen, gar als schlechter Witz. Auch wenn es nun wohl täglich in der Zeitung steht: An die Angst kann der Mensch sich nur kurzzeitig durch Abstumpfung gewöhnen; auf die Dauer wird er die Ursache beseitigen.

 

Bildquelle: Copyright: flickr./.Armin Rodler

You May Also Like

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>