Vertauschte Rollen: Die besorgten Wutbürger sitzen nun im Bundestag

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Ein Erdbeben hat die Welt erschüttert. Gerade erst hatte sich die europäische Berufspolitik vom Brexit-Votum der Briten erholt, da musste sie den nächsten Niederschlag hinnehmen. Seit Mittwoch ist nichts mehr wie es war. Verantwortlich dafür ist ein Mann, den Medien und Meinungsforscher mit einem nie zuvor gekannten Aufwand am Einzug ins Weiße Haus hindern wollten. All ihren Bemühungen zum Trotz mussten sie im Morgengrauen des 9. November mit ansehen, wie Donald Trump triumphierte. In Brüssel, Paris und Berlin geht nun die Angst um, der „Trump-Effekt“ könnte demnächst auch einen Teil der sogenannten politischen Elite Europas hinwegspülen. Die Meinungsmacher aus Medien und Politik sorgen sich darum, dass ihre Hetze gegen unliebsame Ansichten und Personen beim Wahlvolk nicht mehr verfangen könnte.

Denn es ist ein Fingerzeig mit weitreichenden Folgen, dass in den Vereinigten Staaten das mediale Dauerfeuer gegen Trump wirkungslos blieb.

Entsprechend laut war der Aufschrei der politischen Klasse in Deutschland, die sich nach dem Wahldebakel für das politische Establishment einen Teufel um diplomatische Gepflogenheiten scherte. Noch steht der deutsche Michel mehrheitlich zu seinem politischen Führungspersonal, wenn auch mit wachsendem Unbehagen, weil ihn das Gefühl beschleicht, er spiele in den Überlegungen der Volksvertreter kaum noch eine Rolle.

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Der Sieg Donald Trumps war absehbar. Hillary Clinton war schlichtweg die falsche Kandidatin.

Im Kampf um das Präsidentenamt hätte sie wohl selbst gegen einen an der Wand lehnenden Besenstil verloren, ist das „System Clinton“ doch allzu verhasst. Nichts könnte die Arroganz und Bürgerferne des um sich selbst kreisenden politischen Establishments besser dokumentieren als Hillary Clintons Nominierung. Auch hierzulande hat sich die politische Klasse in einer Parallelwelt eingerichtet, die mit dem Leben der Menschen, die sie angeblich vertritt, nur noch wenig zu tun hat. Dabei ertappt, beißt sie wild um sich, tritt nach Wählern und Gewählten. Die jetzigen Reaktionen der europäischen Führungsriege erinnern an die üblen Tiraden gegen die Briten, als diese im Sommer mehrheitlich für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten.

Diesmal geht die aufgeschreckte „Politikelite“ jedoch weiter: Sie beschränkt sich nicht mehr auf die vermeintlich folgenlose Diffamierung von Wählern, sondern richtet ihre Beleidigungen, Beschimpfungen und Belehrungen direkt an den designierten US-Präsidenten. Mit diesem Tabubruch macht sie salonfähig, wovor sie selbst doch die größte Angst hat: Seit Mittwoch ist von höchster politischer Stelle legitimiert, demokratisch gewählte Staatsoberhäupter herabzuwürdigen. Es wird Medien und Politik künftig schwer fallen zu begründen, warum das Führungspersonal der deutschen Politik hiervon ausgenommen sein soll.

In der aufgeheizten Diskussion geht so manche Tatsache unter. Statt das amerikanische Wahlsystem infrage zu stellen und darauf zu verweisen, dass nur ein Viertel der Wahlberechtigten für Trump gestimmt habe (was übrigens ebenso für Hillary Clinton gilt), sollten hiesige Meinungsmacher den Blick auch einmal darauf lenken, dass Trump in 31 der 50 US-Staaten gesiegt und insgesamt 306 von 539 „Wahlmännern“ auf sich vereinigt hat. Trotz des hauchdünnen Vorsprungs Hillary Clintons bei der Gesamtstimmenzahl, der sich ohne ihre Hochburgen Kalifornien und New York in einen meilenweiten Rückstand verwandeln würde, hat der künftige US-Präsident also einen turmhohen Sieg errungen.

Doch Fakten interessieren die besorgten Wutbürger nicht, die plötzlich nicht mehr auf den Straßen marschieren, sondern in den Redaktionen und Parlamenten sitzen.

Weil er anders als etwa der türkische Herrscher nicht ihre Interessen vertritt, pöbeln sie hemmungslos gegen den „Ersten Mann“ der USA und dessen Anhänger. Sie offenbaren dabei jenen Mangel an Demokratieverständnis, den sie einem Teil der deutschen Bevölkerung unterstellen. Vor allem aber befördern sie die Verrohung des politischen Diskurses, der sie doch angeblich so vehement entgegenwirken wollen. Die Masken der Scheinheiligen sind gefallen – wir Wähler haben aber genug Stil und Größe, den Bundestag nun nicht zu Dunkeldeutschland zu erklären.

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Ramin Peymani
Der Autor ist Verfasser der „Klodeckel-Trilogie“ und hat im Juwelen-Verlag „Spukschloss Deutschland“ veröffentlicht. Im Januar 2017 erscheint sein neues Buch ebenfalls im Juwelen-Verlag.

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