Das Wort des Jahres: Der postfaktische Reflex gekränkter Meinungsmacher

Photo by studiostoks/shutterstock.com

Sie haben es getan. Wochenlang durfte man darüber spekulieren, ob sich die Gesellschaft für deutsche Sprache tatsächlich für ein Manöver hergibt, dessen Plumpheit zum Fremdschämen ist. Nun ist es amtlich: „Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres.

Allerdings hatte sich die Spannung in Grenzen gehalten. Es war klar, dass sich die Riege der deutschen Journalisten zum Ende eines für sie katastrophalen Jahres die Chance nicht entgehen lassen würde, mithilfe einer scheinbar unabhängigen Organisation gegen das immer seltener geneigte Publikum nachzutreten. Denn natürlich dient das Wort des Jahres 2016 vor allem als Aufhänger für eine intensive mediale Debatte. Wie durch Zufall startete die Medienwelt parallel dazu ihre „Fake News“-Kampagne.

Der von Journalisten erfundene Kampfbegriff „postfaktisch“ verfolgt offensichtlich das Ziel, all jene zu diffamieren, die sich außerhalb des klassischen Redaktionsumfeldes bewegen – kritische Leser ebenso, wie unabhängige Publizisten.

Dabei soll das Wort des Jahres eigentlich „das zu Ende gehende Jahr besonders charakterisieren“. Dies mag für „Brexit“ gelten und vor allem für „Silvesternacht“. Dennoch kamen die beiden Begriffe knapp hinter dem Sieger ins Ziel. Sie eignen sich eben viel schlechter für die Generalabrechnung mit dem Bürger, der die Berichterstatter der Berufspolitik einfach nicht mehr als Vorgesetzte akzeptieren will.gimp3-280x210

Man sollte wissen, dass die hauptsächlich staatlich finanzierte Gesellschaft für deutsche Sprache alles andere als objektiv ist. Sie arbeitet insbesondere Bundestag und Bundesrat zu. So hat die Kür des prägenden Wortes eines Jahres immer auch etwas Politisches.

Waren Politik und Medien schon in der jüngsten Vergangenheit wenig zimperlich mit der Beschimpfung weiter Teile der Bevölkerung, so senden sie nun eine eindeutige Botschaft aus:

Wir Bürger, so wollen uns die Schöpfer der Schmähung „postfaktisch“ glauben machen,  interessieren uns nicht mehr für Fakten, sondern folgen nur noch unseren Gefühlen. Dadurch nehmen wir eine verzerrte Realität wahr, die im krassen Widerspruch zur Wahrheit steht. Wilde Emotionen vernebeln unsere Sinne, Schaum vor dem Mund lässt uns dummes Zeug plappern. Höchste Zeit also, dass wir zur Besinnung kommen. Wer will schon zum „postfaktischen“ Mob gehören?

Es hat allerdings durchaus etwas unfreiwillig Komisches, wenn sich nun ausgerechnet jene Journalisten über zu emotionale Nachrichtenkonsumenten beschweren, die die Ereignisse des Tages allabendlich mit jeder Menge eigener Bewertung, zuweilen gar alarmistisch darbieten. Oder eine Politik, die die wichtigsten Entscheidungen der vergangenen Jahre, von der Aufhebung aller Euro-Regeln über den Atomausstieg bis hin zur illegalen Grenzöffnung in der Zuwanderungskrise, vor allem nach emotionalen Kriterien getroffen hat.

Das Wort des Jahres könnte daher nicht besser auf jene passen, die nun mit dem Finger auf uns zeigen. Doch stattdessen drückt es die Geringschätzung der „wissenden Elite“ für die „unwissenden Fühlenden“ aus, die angeblich nur einfachste Hauptsätze verstehen und sich in eine Parallelwelt flüchten, weil ihnen der Durchblick fehlt.

Deutschlands Journalisten haben einen Krieg gegen ihre Kunden angefangen. Es ist ein Krieg, den sie nicht gewinnen können. Niemand kann sagen, was sie geritten hat, sich ausgerechnet gegen jene zu wenden, von deren Respekt und Vertrauen sie im wahrsten Sinne des Wortes leben.

Statt den Verstand ihrer Zuschauer und Leser infrage zu stellen und dem eigenen Personenkult zu frönen, sollten sich die Mikrofonhalter und Teleprompterableser darauf besinnen, was ihre eigentliche Aufgabe ist, und ihre mit übergroßem Ego zelebrierten „News“ wieder als profane Nachrichten übermitteln, bei denen Erziehungsmaßnahmen nichts zu suchen haben.

„Postfaktisch“ ist in diesen Tagen allein die aufdringliche Personality-Show eitler Medienschaffender, die es nicht ertragen, dass die Wirklichkeit sich immer weniger mit ihrem eigenen Weltbild deckt. Sie haben das Internet und dessen Millionen Nutzer als Feind entdeckt – und merken nicht, dass sie im Begriff sind, ihren Berufsstand abzuschaffen. Denn was wir am wenigsten brauchen, sind „postfaktische“ Meinungsmacher in den Redaktionsräumen, die uns ihre eigenen Gefühlswallungen als Nachrichten verkaufen.

Photo by studiostoks/shutterstock.com

Lesen Sie mehr in meinem aktuellen Buch „Spukschloss Deutschland“.

Ramin Peymani
Der Autor ist Verfasser der „Klodeckel-Trilogie“ und hat im Juwelen-Verlag „Spukschloss Deutschland“ veröffentlicht. Im Januar 2017 erscheint sein neues Buch ebenfalls im Juwelen-Verlag.

You May Also Like

1 comment

  1. 1

    Bei solchen Beiträgen schaue ich mir immer wieder gerne ein paar schöne Charts an – wie beispielsweise diese:
    http://meedia.de/datacenter/analyzer/meedia-data/print-01827/
    oder
    http://meedia.de/datacenter/analyzer/meedia-data/print-00122/
    Das hebt meine Stimmung gleich wieder ungemein, denn diese Charts sagen mir, dass viele dieser „gekränkten Meinungsmacher“ der MSM demnächst arbeitslos sein werden – und sie somit mit ihrer Meinungs- und Gesinnungsdiktatur nicht nur die (berufliche) Existenz von Andersdenkenden bedrohen, sondern verdientermaßen ihre eigene ebenso.
    Und das wird sich noch beschleunigen, denn umsteuern können diese Indoktrinatoren nun nicht mehr.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>